Sie sind hier > Navigationslinks überspringenHome > Republikanischer-Kalender
Der französische Revolutionskalender 1792-1805

Die Bastille ist erstürmt, die Zeitgenossen jubilieren über den Anbruch einer gänzlich neuen Ära. Am 15. Juli 1789 ruft man das "Jahr I der Freiheit" aus. Doch zunächst wird die Datierung nur von manchen revolutionären Zeitungen verwendet und inkonsequent gehandhabt. Denn sie wird mit dem herkömmlichen gregorianischen Kalender vermischt, so dass das "Jahr II der Freiheit" mit dem 1. Januar 1790 beginnt. Ausgehend vom 10. August 1792, dem Sturm auf die Tuilerien, wird dann auch noch das "Jahr I der Gleichheit" ausgerufen. Um das Durcheinander und den revolutionären Zwist zu beenden, beauftragt der Nationalkonvent Ende 1792 den Ausschuss für Öffentliche Bildung, "binnen allerkürzester Frist" Ideen für eine radikale Kalenderreform auszuarbeiten.

Der Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Lehrers Charles-Gilbert Romme gehören Chemiker, Astronomen, Mathematiker, Geodäten und Dichter an. Alle fühlen sich der Wissenschaft und der Aufklärung verpflichtet. Am 5. Oktober 1793 verabschiedet der Konvent den "calendrier républicain", der rückwirkend mit der Ausrufung der Republik am 22. September 1792 einsetzt.

Die alte Zeitrechnung ist in den Augen der Revolutionäre unheilbar kontaminiert vom Ancien Régime, von Monarchie und Kirche. Ein Kalender, in dem es von Märtyrern und Heiligen wimmelt, ist daher fehl am Platze.

Das Jahr wird in zwölf gleich lange Monate eingeteilt, die aus jeweils drei "Dekaden" à zehn Tagen bestehen. Die an 365 fehlenden fünf Tage - in Schaltjahren sechs - hängt man als Festtage am Ende des Jahres an. Auch das alte Stundenmaß muss weichen. Der Tag hat nun zehn Stunden, mit je 100 Minuten à 100 Sekunden.

Für die Namensgebung im Kalender ist der Dichter Fabre d'Eglantine zuständig, der Chefgärtner des Pariser Naturhistorischen Museums berät den Poeten. Mit der Herbst-Tagundnachtgleiche beginnt fortan das Jahr: Der Monat der Weinlese heißt nun Vendémiaire. Es folgt der "Nebelmonat", Brumaire.

Für die poetische Ausstrahlung des Revolutionskalenders hat selbst ein royalistischer Dichter wie Alphonse de Lamartine Sympathie empfunden: "Die Namen der Monate waren bezeichnend wie ein Gemälde und vollklingend wie der Widerhall des kräftigsten Landlebens." Fabre d'Eglantine teilt auch jedem Tag einen Namen zu, der sich an der Lebenswelt der Bauern und Arbeiter orientiert. "Raisin", Traube, heißt der erste Tag im Jahr. Der 17. Vendémiaire ist der Tag des Kürbisses, gefolgt von Buchweizen und Sonnenblume. Noch über 160 Jahre später war der Schriftsteller Arno Schmidt entzückt: "Sorgfältig ist der Neue Kalender durchkonstruiert, mit tiefer Einfühlungsgabe und Würdigung von Naturleben und Menschenwirksamkeit: ein Durchschlagen besten Heidentums!"

Ein umfangreicher Almanach, der "Annuaire du républicain", begleitet den Jahreslauf, handelt jeden einzelnen Tag ab. Der 11. Floréal etwa ist der Tag des Rhabarbers - Anbau und Verwendung der Pflanze werden ausführlich dargestellt. So geht es mit Mineralien, Tieren und Dingen des täglichen Gebrauchs.

Doch die Reform steht bald in der Kritik: Das Land isoliere sich. Obendrein ähnele der Kalender einem System, das schon die Ägypter benutzt hätten - eine Sklavenhalter-Gesellschaft. Die Bauern sind erbost, dass nun neun Arbeitstage auf einen Ruhetag kommen anstatt wie bisher sechs: Sie boykottieren die "Neue Zeit".

Ein besonderes Problem sind die Uhren. Man setzt den Uhrmachern lange Fristen zur Umstellung ihrer Produktion, das Komitee startet Wettbewerbe, eine Dezimaluhr wird symbolträchtig in der Nationalversammlung aufgestellt. Alles umsonst. Als der Misserfolg offenkundig ist, wird zum 1. Januar 1806 der gregorianische Kalender wieder eingeführt - nach 13 Jahren ist das ehrgeizige Experiment gescheitert.

Die geistigen Väter des Kalenders erleben ihre letzte Niederlage nicht mehr. Poet Fabre d'Eglantine stirbt im April 1794 mit der Gruppe Dantons durch das Fallbeil. Romme beteiligt sich im Mai 1795 an einem Pariser Volksaufstand; nach der Verkündung des Todesurteils ersticht er sich noch im Gerichtssaal.


Von Thorsten Oltmer im Spiegel-Special

Abbildung: Eine der Sternstunden der Französischen Revolution - der Ballhausschwur vom 20. Juni 1789.